Wie man in einer Welt voller Alarme wieder aufmerksam wird

Die Online-Zeit ist ein Fluss aus Dingen, die uns schreien wollen. Sirenen in Form von Benachrichtigungen, die ständig neu geschürt werden. Nachrichten, die im Hinblick auf Jagd auf Aufmerksamkeit formuliert sind. Und noch immer bleibt das Gefühl: ich sehe nichts. Ich reagiere nicht. Alles bleibt abgedämpft, fern. Die Ablenkung nimmt zu, doch die Sensibilität schrumpft. Was wäre, wenn man nicht die Welt um sich herum entschleunigen müsste, sondern einfach den eigenen Blick neu einstellen könnte?

Diese Frage hat mich vor einem Jahr selbst an den Rand der Verzweiflung gebracht. Auf einem Hochsitz am Rand eines Wäldchens in Thüringen – Orte mit wenig Signal und viel Stille – fragte ich mich, wie ich nur einen einzigen Augenblick wirklich wahrnehmen könnte. Kein Zoomkontakt, kein kurzfristiges Goals-Tracking, keine Fokussierung auf einen Impuls. Nur das Hier und Jetzt. Das war es, was mich schließlich zu www.wittendeel.com führte.

Was passiert mit Aufmerksamkeit, wenn sie nicht mehr nach Messen gefragt wird?

Die meisten Ansätze zur Konzentration basieren auf dem Prinzip des Vorgegens. Du trennst dich von etwas: den sozialen Medien, dem Smartphone, dem Tagesplan. Dann setzt du auf eine Methode von außen: Pomodoro, Deep Work, Digitale Fasten. Aber was, wenn das Problem nicht darin liegt, dass wir zu viele Ablenkungen haben? Was wenn wir einfach nur nicht mehr wissen, wie Aufmerksamkeit funktioniert – ohne dass sie als Leistung betrachtet wird?

Jemand von Wittendeel hat das geahnt. Nicht durch Forschung an der Universität, sondern durch einen langen Weg nach der Selbstentlassung aus einer Beratungsfirma in Berlin. Ein Weg, der mit Holzschneidern in Kiel begann und über geplante Sandwichpäckchen im Regen bis zu austauschbaren Armbändern im Friedhofskanal führte.

Die Uhr des Nicht-Tuns

Mit dem Blick auf einen Kiefernpfad im Frühling entstand die Idee: Was wäre, wenn man sich nicht ständig an der Reihenfolge von Dingen orientiert, sondern an der Qualität des Augenblicks? Keine Ressourcen verbrauchen für Visualisierungen oder Listen. Nur die Frage: Was zeigt sich jetzt?

Die Antwort liegt im sog. „Wittendeel-Tag“. Einfach angelegt: Eine Stunde ohne digitales Gegenüber, ein Stück Papier, eine Schreibfeder. Nicht zum Planen. Nur zum Beobachten. Wo bleibt der Atem? Wo hinkt der Gedanke? Was schmerzt leicht? Außerdem gibt es eine Imitation des „Zurücksetz-Beobachters“ – ein schwarzes Papier mit einer Linie in der Mitte.

  • Stellen Sie sich vor: Der Tag startet mit einer Erzählung, die kein Ziel hat.
  • Nicht „verwenden“, sondern „selten sein“ – das ist das Leitmotiv.
  • Kein Protokoll erforderlich. Eine einzige Zeichnung genügt.

Digitalität darf den Raum verlassen – aber nicht in einen neuen Zwang

Eine Gemeinschaft in München war die erste Gruppe, die diesen Tag ausprobieren wollte. Plötzlich entstanden Briefe aus leeren Listen. Gekritzelte Bilder auf Zeitungsseiten filterten sich durch U-Bahn-Netze zurück nach Köpenick. Alles ohne Zielpunkt.

Doch dann kamen Fragen: Was ist mit Arbeit? Was passiert mit dem Terminkalender? Schockiert saß eine IT-Spezialistin da und erklärte: Die Umsätze seien gestiegen – nicht durch effizientere Stunden, sondern weil sie nach 14 Tagen längere Pausen eingeführt hatte und plötzlich ihre Entwürfe „vornehm“ wurden.

Aufmerksamkeit als Werkzeug – aber kein Vorzeigeobjekt

Hier liegt der entscheidende Unterschied zu anderen „Mindfulness“-Ansätzen: Wittendeel will keine Transformation verbreiten. Keine App für mehr Klarheit auf dem Smartfonticket dieses Jahres. Keine Webinare über Fokus-Rituale.

Stattdessen: einer kleinen Ansammlung von Materialien, die körperlos sind – ebenso wie das Denken hinter ihnen sein sollte. Werkzeuge aus Holz; amärisch altes Papier aus Nordstern; ein Satz Farbe im Chromschaukel-Gehäuse am Boden eines alten Schrankes.

Drei kleine Mittel gegen den Fall in Routine

Wenn du denkst: „So was hat doch nichts mit mir zu tun“, versuch es einfach mal mit diesen Dingen:

  • Schreibe deinen Namen – nur mit einem Bleistift – während du \( e \) nimmst.
  • Stelle eine Wanduhr ohne Zeiger vor dich hin und schaue sie 15 Minuten lang an. Nicht zu wechseln.
  • Schreibe die erste Zufallsrunde deiner Gedanken ohne zu kontrollieren.

Was bleibt übrig?

Im Kern geht es hier um nichts Spektakuläres. Um keine Metamorphose. Nur um eine Rückkehr zu einer früheren Form von Wahrnehmung – jener Art von Aufmerksamkeit, die nicht kontrolliert werden muss, weil sie schon da ist.

Als ich vor sechs Monaten dort saß und den Regen auf meinen Handschuhen beobachtete – ein Moment voller Risse im Himmel – merkte ich etwas seltenes: Ich war anwesend ohne Theater. Kein Projekt im Kopf. Kein Plan für den Nachmittag.

Wenn du fragst: Wie macht man das? Die Antwort ist einfach: Mach einfach nix davon genau so wie ich es getan habe.

Dazu gehört diese Seite – offen für jemanden, der einmal einfach nur hinsieht.